Auf Cres – Melonen, Skilift und ein Ballsaal

Ein Dorf hoch oben über dem Meer. Ihm zu Füßen eine die Fantasie beflügelnde Bucht,  albanische Salzwassermelonen und eine Fülle an haarsträubenden Geschichten. Wir sind auf Cres.

Meine Reisebegleiter von Slatina fahren mich hinaus aufs Meer. Wir wollen nach Valun zu einem späten Mittagessen und Sascha hat sich als unser „Wassertaxi“ angeboten. Es ist Anfang Juli, sonnig und heiß, der Wellengang mäßig. Bestes Wetter für einen Ausflug mit dem Motorboot.

Bootsausflug
Ein Bootsausflug ist bei einem Urlaub auf Cres ein Pflichtprogramm.
Nach Valun fährt man am besten mit dem Boot oder der Segelyacht.
Nach Valun fährt man am besten mit dem Boot oder der Segelyacht.

Zu Fuß nach Valun?

Diesem Ausflug stimmte ich gerne zu, auch um das Wohnmobil einmal stehen zu lassen. Denn nach Valun kann man nicht fahren, es ist nur Zulieferung erlaubt. In der Regel dürfen Gäste nicht in den Ort hinab fahren. Und müssen ihr Gefährt oberhalb der Ortschaft auf einem Parkplatz stehen lassen.

Also benützt man einen Fußweg hinunter in den verträumten Hafenort auf Cres.  Die Parkplätze oberhalb Valuns erscheinen knapp bemessen, sodass es dort bei großem Andrang auch mit dem Womo knapp werden kann. Valun ist beliebt, besonders zur Hauptsaison.

Obst-Gemüse Stand in Mali Losinj: Hier steht auf einem Schild "Lubenica", also "Wassermelone".
Obst-Gemüse Stand in Mali Losinj: Hier steht auf einem Schild „Lubenica“, also „Wassermelone“.

Land der Riesen-Melonen

Schon Tage zuvor fielen mir die riesigen Melonen in Kroatien auf. Zuallererst auf der Insel Rab, am Obststand des Campingplatzes. Ein paar Tage darauf auf der

Kroatische Obsthändler sind alle so stolz auf ihre großen Früchte, insbesondere auf Melonen.
Kroatische Obsthändler sind alle so stolz auf ihre großen Früchte, insbesondere auf Melonen.

Insel Krk und in Mali Losinj. Auch dort sah ich Melonen, so groß wie Kleinkinder. 12 oder 15 Kilogramm schwere Monster, einen knappen Meter lang, die durchaus einem Halloween-Kürbis Konkurrenz machen können.

Nun aber sind wir in Richtung Valun mit Saschas Motorboot unterwegs und halten auf halber Strecke in einer Bucht. Ober uns hoch oben in den Felsen liegt ein kleines Dorf, namens „Lubenice“. „Lubenice“, bedeutet das nicht „Wassermelonen“ auf kroatisch? Da fällt  mir doch die Geschichte über die einzigartige Karriere der „albanischen Salzwassermelone“ wieder ein.

Tohuwabohu und Salzwassermelonen

Denn Mitte der 1980er Jahre lief im österreichischen Fernsehen (ORF) eine erfolgreiche Serie über 4 Aussteiger. Die hatten sich nach Kroatien abgesetzt, und kurvten mit einem bunten Segelschiff, der Tohuwabohu, von einer Insel zur anderen. Heimathafen der 4 Jungs war das verträumte Valun auf Cres. Die Serie trug den Namen „Der Sonne entgegen“.

Diese riesigen Melonen können nur etwas Besonderes sein!
Diese riesigen Melonen können nur etwas Besonderes sein!

Nun zum Inhalt der Serie: Die 4 Aussteiger genießen eine Zeit lang das Nichtstun auf Cres, bis ihnen das Geld ausgeht. Da beschließen sie, einen alten Kahn wieder flott zu machen. Dessen Besitzer erlaubt ihnen die Renovierung des Schiffes, mit der Auflage, dieses für Botendienste zu benützen.  Dieses Schiff wird auf den Namen „Tohuwabohu“ getauft und von nun an leben die 4 von Lieferungen für den Melonenhändler Mirko. Dabei kommt den Aussteigern die Idee, den Melonen eine besondere Wirkung nachzusagen, um einen höheren Preis zu erzielen. Klassisches Marketing eben. Ab diesem Zeitpunkt wird Mirko mit „heiligen, albanischen  Salzwassermelonen“ beliefert.

Man – wer auch immer dieser „man“ ist –  erzählt sich, dass diese Melonen rund um Lubenice wachsen. Lubenice, das Melonen-Dorf, wo man die prachtvollsten Sonnenuntergänge Kroatiens erleben kann und in deren Bucht zu Füßen des Ortes wir gerade vor Anker liegen. Um zu baden und direkt von Bord unseres Motorbootes ins tiefblaue, kristallklare Wasser zu springen.

In der blauen Grotte.
In der blauen Grotte, Sascha, Mary und ich.

Und die Blaue Grotte gibt es hier auch, in der Bucht von Lubenice.  Eine Höhle, die nur vom Meer aus zugänglich ist, und in die man vorsichtig hineinschwimmt um sich in einem 30 Meter hohen Dom, in schummrig blaues Licht getaucht, wieder zu finden. Ein magischer Ort, der wohl die Drehbuch-Autoren dieser Fernsehserie meiner Kindheit zu wilden Fantasien beflügelt haben muss, als Impulsgeber für „albanische Salzwassermelonen“.

Infiziert von „Der Sonne entgegen“

Irgendwie befällt uns – wir sind übrigens auch zu viert! – während der Weiterfahrt das „Sonne entgegen“-Fieber. Mich packt dieses spätestens bei der Einfahrt in die Bucht von Valun, die  sich malerisch vor uns ausbreitet. Denn der Ort sieht genauso aus, wie man ihn sich, vorausgesetzt man hat die TV-Serie gesehen, vorstellt. Kleines Fischernest, ein paar Restaurants an der Mole, ein paar Segelyachten und Motorboote ankern. Und wo sind jetzt die Melonen? Wohl beim Melonenhändler Mirko am Obststand! Ob’s den Mirko tatsächlich gibt?

Verträumtes Valun. Auch wir liegen hier vor Anker.
Verträumtes Valun. Auch wir liegen hier vor Anker.

Statt nach Mirko zu suchen, wir sind irre hungrig, beobachten wir beim Fisch-Essen einen Deutschen, der mit dem Starter seiner Motoryacht – ein dickes Teil – kämpft, und der schlussendlich abgeschleppt werden musste. Gleich daneben ankern Katamaran-Segler.  Eine Gruppe von alternden Jungs, die an der Mole liegend  sich bei Spritzer und Bier dem „Dolce Vita“ hingeben. Und sich dabei, wie wir auch, köstlich über den (dicken) Motoryacht-Besitzer amüsieren.

Skifahren auf Cres?

Letzte Liftstütze auf Cres?
Letzte Liftstütze auf Cres?

Die Heimfahrt in die Bucht von Slatina verzieren wir mit allerlei wilden Geschichten. Der zuvor reichlich konsumierte Gespritze und Grappa beflügelt unsere Fantasie. Denn unser Weg führt uns an einer eigenartigen Stützenkonstruktion vorbei. Hierbei handelt es sich um einen aufgelassenen „Skilift“, erfahren wir vom Tauchlehrer Klaus. Der Lift hatte vor vielen Jahren jenen Hang erschlossen, an dem Ivica Kostelic das Skifahren lernte. Kopfschüttelnd denke ich, während unser Storyteller in die Abendsonne grinst,  das ist wohl die selbe Geschichte wie jene von den „albanischen Salzwassermelonen“, und lasse den Obersteirer Klaus seinen unerschütterlichen Glauben ans Skifahren auf Cres.

Cres
Einer dieser unverschämt eindrucksvollen Sonnenuntergänge auf Cres.

Riesenlangusten und ein Ballsaal

Abends, nachdem das Boot vertäut wurde, setzen wir unsere Geschichten bei Gespritztem in der Bucht von Slatina fort.

In diesem Kloster hätten Nonnen gelebt, erzählt uns Klaus.
In diesem Kloster hätten Nonnen gelebt, erzählt uns Klaus.

Klaus erklärt, das verfallene Frauen-Kloster an der Küste wäre von Slowenischen Zahnärzten gekauft worden und wird jetzt renoviert. Die Nonnen hätten hier in völliger Abgeschiedenheit gelebt und…. ja und auf dem Leuchturm, an dem wir vorbeigefahren waren, wurden wilde Partys gefeiert. Früher, unter Titos Zeiten. Das Leuchtturm-Haus sei eine Villa mit Prunktreppe und Ballsaal. Und riesige Langusten und Tintenfischen gäbe es in der Bucht von Lubenice, wo das Meer 70 Meter tief sei. Und wo Klaus seine Tauchschüler in die Tiefe schickt, die völlig angstfrei dort auf Harpunenjagd gehen, nach 4 Tagen Kurs.

Ich glaube ihm nichts mehr, dem Klaus, nach der Aktion mit dem Skilift. Taucher-Latein, so hört es sich also an! Und ich beschließe nur noch dem Wein in meinem Glas zu vertrauen, weil er den Sonnenuntergang nur noch schöner macht: Glückseliges Staunen. Und zwar bei uns vieren.

Ach ja, die Tohuwabohu gibt es schon lange nicht mehr. Bis 1993 war sie als Linienschiff zwischen Valun und Cres unterwegs. Danach führte man sie im Hafen von Mali Losinj als Ausflugsschiff. Ab 1999 ankerte sie im Hafen von Cres, wo sie im Februar 2003 sank. Zwar wurde die Tohuwabohu gehoben, war aber in einem dermaßen schlechten Zustand, dass man sie im April desselben Jahres zersägte und entsorgte.

Während ich glückselig in den Abendhimmel blicke, sehe ich sie, die Tohuwabohu. Der Klaus und Mary sehen sie wohl auch, und Sascha unser Kapitän.  Oder ist es nur sein Boot, das in der Bucht vor Anker liegt?

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