Essen bis zum Abwinken – Ein Kommentar

„Mir graut schon vor der Hochzeit. Dann müssen wir den ganzen Tag essen!“ – Rosaria, unsere Betreuerin in Baia Domizia, nimmt mich mit in ein süditalienisches Restaurant. Eines, das hauptsächlich von Italienern besucht wird und das man als Tourist so nicht findet. Sie will mir ein authentisches italienisches Essen zeigen. Eines mit Vorspeise, erstem Gang, zweitem Gang, Nachspeise und Digestiv.

Wir haben Lust auf Fisch und Meer, bestellen eine Vorspeisenplatte mit allerlei Meeresfrüchten drauf. Dann kommt’s. Zuerst mal Fladenbrot aus Pizzateig, mit Rosmarin gewürzt. Gleich danach ein großer Teller mit Muscheln und Riesenscampi drauf – flambiert serviert. Wo ist unser Vorspeisenteller? Ach da kommt er ja. Es haut uns um. Diese Platte reicht auch für vier Personen! Tintenfisch auf zweierlei Art (gefüllt und gegrillt und ganz kleine Exemplare in einer Sauce mit Tomaten, Bruschetta belegt mit Paprika, Krabbencocktail, marinierter Lachs, gebackene Zucchiniblüten und das für Kampanien typische Bohnengericht.

Wir machen uns dran und futtern drauf los. Virgilio, der Chef des Hauses, meint nur: „piano, piano“. Also „langsam, langsam“, schließlich soll noch Platz für mehr sein. Schließlich ist das nur Vorspeise, bevor es richtig zur Sache geht.

Während des Essens meint Rosaria zu mir: „Wir sind bei einer Hochzeit eingeladen. Und dann wird nur gegessen. Ist wirklich anstrengend, so eine typische süditalienische Hochzeit!“ Sie erzählt, man würde mit einem Aperitiv und Kleingebäck beginnen, dann kämen Vorspeisen wie unsere hier, gefolgt vom Pastagericht.  Danach isst man Fleisch mit Beilagen wie Gemüse oder Kartoffel. Und bevor das Dessert serviert wird, hätte man sich der für diese Gegend typischen Büffel-Mozarella zu stellen. Das Dessert? Das ist im besten Fall Obst, viel eher aber eine Schokoladentorte mit Mandeln oder andere Süßspeisen. Das Ende eines solch üppigen Mahles zeigt ein Espresso oder ein Grappa an.

Ich schnappe nach Luft und bin satt, voll bis obenhin. Rosaria – sie ist Italienerin – und mich plagt das schlechte Gewissen. Unsere guten Vorsätze richtig süditalienisch bei Virgilio zu essen, können wir vergessen. Es geht nichts mehr. Stattdessen beschließen wir, morgen Abend wieder zu kommen und dann mit dem ersten Gang, einem Pastagericht weiter zu machen. Wo essen die Süditaliener bloß das alles hin???

– Angelika Wohofsky

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